Vortrag: Onlineberatung ist anders -Möglichkeiten und Grenzen einer neuen Beziehungsform
Onlineberatung ist in mehrfacher Hinsicht anders. Wer als Therapeut seine Praxiserfahrung als Vergleichspunkt nimmt, konstatiert zunächst Defizite: Er wird die physische Anwesenheit vermissen, und so all die nonverbalen Signale, welche Gefühle und Unbewusstes übermitteln. Er wird auch meinen, dass auf dem schmalen Draht der digitalen Kommunikation keine Beziehung wachsen kann. Er vermisst das Simultane und das Unmittelbare, das Überprüfbare und das Kontinuierliche.
Beim zweiten Blick wird sich aber zeigen, dass Onlineberatung positiv wirksam und gefragt ist. Sie ist aber anders als zunächst erwartet. Erste Untersuchungen bestätigen die Erfahrung der Onlinepraktiker, dass auch im virtuellen Raum eine wirkliche Beziehung aufgebaut wird. Eine erstaunliche Offenheit begegnet der Beraterin am Netz, und sie spürt die Kraft des Vertrauens, die ihr entgegengebracht wird. Sie wird versuchen, den Kontakt zu nutzen, bis der Ratsuchende seinen nächsten Schritt sieht oder den Mut hat, in eine face-to-face Beratung am Ort zu wechseln.
Die Wirkungen sind vorwiegend positiv. Trotzdem werden durch den Beratungsprozess die Erwartungen der Surfer zurückgestutzt und realistischer. Deren Rückmeldungen scheinen zu belegen, dass die Onlineberatung eine echte Ergänzung und Alternative zu bisherigen Beratungsformen darstellt. Die vorliegenden Forschungsresultate und die Erfahrungen sind Grund genug, die noch junge Praxis der Suche nach effizienten und internetgerechten Methoden weiterzuführen durch Berater und Beraterinnen, die dank Erfahrung und Ausbildung die Grenzen und die berufsethischen Standards kennen, und die bereit sind, in Inter- oder Supervision ihre Kompetenz auszuweiten und ihre Arbeit für die Forschung zugänglich zu machen.