Renate Blum-Maurice
geb.1952, Sozialwissenschaftlerin und Klinische Psychologin, Familien- und Kindertherapeutin, fachliche Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Köln
|
Der Einfluss von Erziehungsberatungssendungen im Fernsehen auf die Beratungsarbeit der Jugendhilfe
Die Medien sind nicht mehr nur die "heimlichen Erzieher", mit Ratgebersendungen bietet sich das Fernsehen zunehmend auch als offizieller Erzieher an. Sogenannte Coaching-Formate im Fernsehen zu Erziehung und Familie erfahren zurzeit eine breite Aufmerksamkeit und haben intensive Diskussio-nen in der Öffentlichkeit ausgelöst. Diese Sendungen suggerieren Einblicke in das "wirkliche" Leben "ganz normaler Menschen" in Schwierigkeiten, denen durch den Einfluss eines Experten (Coach) zu einer Verhaltensänderung, z.B. der Verbesserung ihrer Erziehungskompetenz verholfen werden soll. Durch die Intervention von Fachleuten wird scheinbar ein Eindruck von der Praxis beratender Berufe gegeben, andererseits wird durch sie gerade diese Praxis in Frage gestellt: Sie erreichen viel mehr Menschen in kurzer Zeit als Beratungsstellen, und sie scheinen schneller und energischer zu helfen.
Dabei werden grundsätzlich "dysfunktionale" Familien vorgeführt, die offensichtlich nur mit stark ein-greifender Hilfe von außen (wieder) einigermaßen funktionsfähig werden können. Kinder werden dabei meist als Problem und nur selten als Bereicherung dargestellt, Eltern als überfordert und inkompetent.
Die Rahmenbedingungen und die Methoden dieser Produktionen sowie die Zurschaustellung von Kindern müssen im Hinblick auf die Kinderrechte und auf die Würde aller Beteiligten kritisch hinterfragt werden - das soll in dem Vortrag auch dargestellt werden. Allerdings zeigen sich an den hohen Zu-schauerquoten ein Bedarf und ein Interesse, die auf ein gesellschaftlich relevantes Problem der Ver-unsicherung und Entmutigung vieler Eltern und Familien hinweisen. Die Professionellen der Jugendhil-fe müssen sich die Frage gefallen lassen, wie denn sie Erziehungsberechtigte vor diesem Hintergrund im Sinne gewaltfreier Erziehung unterstützen bzw. unterstützen können.
In einer Gegenüberstellung der Coaching-Formate (am Beispiel der Sendungen "Super-Nanny" und "Problemfall Familie") mit der Beratung von Familien in komplexen Fallsituationen im Kinderschutz-Zentrum sollen einerseits die Besonderheit der Aufgaben und Möglichkeiten von Familienberatung und die dazu notwendigen Rahmenbedingungen verdeutlicht werden. Andererseits soll der Erfolg solcher Sendungen als Herausforderung an die Jugendhilfe verstanden werden, sich auf eine - gera-de auch durch Medienrezeption - veränderte Sichtweise von Familie und Erziehung und auf die be-sondere Not entmutigter Eltern neu einzustellen.
|