Vortrag: Täter - Opfer: eine hilfreiche Dichotomie
Die Spaltung in Täter und Opfer, in Gut und Böse im Kontext "Sexuelle Gewalt gegen Kinder" ist - auch in Helferkreisen - ein häufiges Phänomen. Die Konfrontation mit Fällen von sexueller Gewalt mobilisiert starke Affekte (Wut gegenüber dem so genannten Täter, Mitleid mit dem betroffenen Kind, Ekel, Ängste, etc) und löst oft widersprüchliche Impulse (Rache, Strafe, Rettung, Kontrolle, etc.) aus. Spaltungsphänomene haben in diesem Zusammenhang die Funktion, den emotionalen Druck des Betrachters zu minimieren und sind daher als Schutzmechanismen zu verstehen. Sie verhindern aber auch einen realistischen Blick auf das Gesamtproblem und die Falldynamik und blockieren so die Handlungsfähigkeit.
Besonders im Zusammenhang mit jugendlichen "Tätern" erscheint mir die Spaltung in Opfer und Täter problematisch, handelt es sich doch bei den Jungen, die sexuelle Übergriffshandlungen gesetzt haben, in der Regel nicht um gefährliche, fixierte Täterpersönlichkeiten, die kontrolliert, bestraft und weggesperrt werden müssen, um die Bevölkerung vor der von ihnen ausgehenden Bedrohung zu schützen, sondern um in ihrer Entwicklung beeinträchtigte junge Menschen, deren Verhalten einerseits natürlich deutliche Grenzziehung erfordert, andererseits aber als Symptom ihrer problematischen Sozialisation zu sehen und als solches zu behandeln ist.
Der Vortrag möchte den psychodynamischen Hintergrund diverser Spaltungsphänomene im Kontext "Sexuelle Gewalt gegen Kinder durch jugendliche Täter" beleuchten und Perspektiven entwickeln, nicht so leicht in die Fallen der eigenen Abwehr zu tappen.