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Belastung der Eltern-Kind Kontakte in Scheidungsfamilien:
Bindungstheoretische Perspektiven

PD Dr. Peter Zimmermann, Universität Regensburg

Umgangskonflikte
Die Organisation von Umgangskontakten erfordert von Eltern wie Kindern klare Regeln, aber auch viel Flexibilität, wechselseitigen Respekt und ein gewisses Maß an Vertrauen, dass sich der jeweils andere an die vereinbarten Regeln hält und die Kinder adäquat betreut werden. Sind die Eltern jedoch dauerhaft und intensiv in wechselseitige Konflikte verstrickt, so fehlt dieses Vertrauen, es wird auf die strikte Einhaltung von Regeln gepocht und die Eltern geben sich wechselseitig kaum die Möglichkeit, die aktuellen Bedürfnisse oder Interessen der Kinder in den strikten Plan mit einzubeziehen.
Die Konflikte zwischen den Elternteilen sind sehr intensiv und werden schnell ausgelöst. Dies belastet nicht nur die Eltern selbst, sondern auf direkte und indirekte Weise die Kinder, vor allem dann, wenn der Kontakt zum anderen Elternteil dadurch erschwert wird. Dies muss nicht durch gezielte und absichtliche Äußerungen oder Handlungen eines Elternteils oder manchmal auch Großelternteils geschehen, sondern ist auch dann zu beobachten, wenn die negative Bewertung des jeweils anderen Elternteils den Kindern direkt mitgeteilt wird, anderen Personen gegenüber in Anwesenheit der Kinder geäußert wird oder die emotionale Belastung oder Angst vor dem Zusammentreffen mit dem anderen Elternteil z. B. beim Abholen oder Bringen der Kinder von den Eltern nicht kontrolliert werden kann. Allerdings werden die Belastung des Kindes oder die kindlichen Verhaltensweisen, die aus der konflikthaften Situation der Eltern resultieren von diesen oft ganz anders interpretiert oder auch aus fürsorglicher Absicht der Eltern ganz anders bewertet.
Typische Aussagen sind z. B. "Das Kind vermisst den Papa oder die Mama gar nicht", oder "er ist so ruhig und ausgeglichen, wenn er nicht bei Mama/Papa war". Charakteristische Bewertungen kindlichen Verhaltens bei Kontaktanbahnungen, bei denen das Kind weint oder sich an anklammert sind z. B.: " Da sieht man doch ganz deutlich, dass das Kind nicht zu Papa/Mama will, es hat gar keine Beziehung zu ihm/ihr und hat Angst vor ihm/ihr".
Betrachtet man aber nicht nur das kindliche Verhalten, sondern auch das meist zeitgleiche Verhalten der Eltern, so ist häufig feststellbar, dass sich beide vor den Kindern relativ rasch und heftig beschimpfen, sich manchmal körperlich angreifen oder aber kein Wort miteinander reden und sich bei Treffen nicht ansehen. Die Kinder werden direkt oder auch indirekt beeinflusst, indem sie z. B. vor die Wahl gestellt werden: "Wenn du den anderen Elternteil besuchen willst, dann musst du dich auch für ihn entscheiden, dann kannst du gleich ganz zu ihm gehen." Selbst wenn kein generelles Verbot von Kontakt erfolgt, wird dem Kind die Botschaft vermittelt, wenn du dahin gehst, verlierst du mich oder will ich dich dann nicht mehr sehen.
Bei Gesprächen mit den Eltern stellt man eine deutliche Verwicklung mit dem anderen Elternteil fest, die sich darin zeigt, dass die Eltern bei verschiedensten Themen schnell und vorhersagbar darüber sprechen, was der jeweils andere Elternteil wieder (falsch) gemacht habe oder schon früher immer (falsch) gemacht hat.
Die Verwicklung der Eltern, d.h. die chronische Erwartung, dass der andere Elternteil einem selbst oder dem Kind Schaden zufügt, löst schnell intensiven Ärger aus. Dieser wiederum ist mit einer meist eingeschränkten Wahrnehmung der tatsächlichen Situation oder der Beweggründe der Beteiligten und schneller und einfacher Urteilsbildung verbunden, so dass man meist nur schematisch beurteilt und handelt und wichtige Informationen oft gar nicht mit einbezieht.
Aus bindungstheoretischer Sicht erschwert es die emotionale Verwicklung der Eltern untereinander den Kindern, ihr Bindungsbedürfnis den Eltern gegenüber auszudrücken oder sich bemerkbar zu machen, da die Eltern mit den eigenen negativen Emotionen oder gedanklich mit den Erfahrungen mit dem früheren Partner bzw. der früheren Partnerin beschäftigt sind. Die Aufmerksamkeit der Bezugspersonen ist wiederholt bei sich selbst und weniger bei ihren Kindern. Dies ist verständlich, aber es macht Eltern weniger feinfühlig. Oftmals haben die Eltern in solchen verwickelten Beziehungen selbst das Bedürfnis nach Trost und können ihren Kindern aktuell nicht ausreichend Zuwendung anbieten. Somit ist sowohl die Aufmerksamkeit gegenüber dem Kind als auch die Fähigkeit zur Regulation der Gefühle der Kinder zumindest zeitweise eingeschränkt. Für die Kinder erschweren längere Kontaktabbrüche zu einem Elternteil ihre emotionale Sicherheit innerhalb der Bindungsbeziehung bei späteren Zusammentreffen schnell wieder zu etablieren.
Eine bindungstheoretische Betrachtung solcher Beziehungsmuster und der Reaktionen der Kinder kann helfen, die zugrundeliegende Dynamik zu verstehen. Die Bindungstheorie beschäftigt sich mit den Auswirkungen emotionaler Beziehungserfahrungen von Kinder mit ihren Bezugspersonen auf deren weitere sozio-emotionale Entwicklung (Zimmermann, 2001).

Grundlagen der Bindungstheorie
Bindung beschreibt eine lang andauernde, emotionale Beziehung zu einzelnen Personen, die Schutz und Unterstützung bieten, und die nicht ohne emotionale Belastung für das Kind einfach ersetzt werden können (Spangler & Zimmermann, 2002). Grundlage ist ein Bindungsverhaltenssystem, das z. B. bei Unsicherheit oder Kummer die negativen Gefühle durch den Kontakt zu vertrauten und potentiell unterstützenden Personen reguliert. Bindung ist beobachtbar als das Suchen nach körperlicher oder psychischer Nähe von vertrauten Personen bei emotionaler Belastung (z. B. durch Körperkontakt, Kommunikation). Fühlt sich ein Kind sicher und befindet es sich in einer anregenden Umgebung, exploriert es in aller Regel seine Umgebung (z. B. wird es sich von der Bezugsperson entfernen, sich mit Spielmaterial beschäftigen, die Wohnung erkunden). Bei negativen Gefühlen hingegen (z. B. Furcht, Erschrecken, Erschöpfung, Krankheit) sucht es wieder die Nähe der Bezugspersonen oder versucht diese Nähe aufrecht zu erhalten.
Kinder, die die Nähe einer Bezugsperson bei emotionaler Belastung suchen, bei ihr Trost und Beruhigung erfahren und sich dann wieder der Exploration der Umgebung zuwenden, haben zu der Bezugsperson eine sichere Bindung aufgebaut. Dieses häufigste Muster der emotionalen Beziehung des Kindes zu den Bezugspersonen entspricht der evolutionär herausgebildeten "Voreinstellung" des Menschen, kann jedoch erfahrungsabhängig verändert werden.
Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung an einen Elternteil, vermeiden den Ausdruck negativer Belastung gegenüber den Bezugspersonen und wenden sich stärker der Exploration zu. Sie wirken z. B. nach kurzen Trennungen nach außen hin wenig emotional (und somit vermeintlich unbelastet), sind jedoch, wie man auf physiologischer Ebene feststellen kann, durchaus belastet. Kinder mit unsicher-ambivalenter Bindung an einen Elternteil zeigen einerseits Verhalten, das die Nähe zum Elternteil etabliert oder aufrechterhält, gleichzeitig jedoch Kontaktwiderstand oder weinerliche Passivität. Sie beruhigen sich nur sehr langsam und explorieren nicht mehr. Diese beiden Gruppen von Kinder mit unsicherer Bindung finden beim Elternteil keine emotionale Sicherheit. Den Eltern gelingt es nicht die negativen Emotionen der Kinder zu regulieren.
Bindungsgestörte Kinder weisen eine noch tiefgehendere Beeinträchtigung der Bindung- und Explorationsbalance auf. Beispielsweise begeben sie sich bei Verunsicherung nicht die Nähe der Bezugsperson, nehmen jedoch mit beliebigen Personen engen Kontakt auf oder lassen sich nicht zu einem angemessenen Explorationsverhalten ermutigen (Zimmermann, 2001) .

Diese konkreten Bindungsmuster sind das Ergebnis verinnerlichter Erfahrungen. Man geht davon aus, daß die bisherigen Interaktionsmuster, das Wissen des Kindes, seine Erwartungen und Vorstellungen hinsichtlich der Bindungspersonen und des eigenen Selbst in den Aufbau internaler Arbeitsmodellen einfließen. Diese Arbeitsmodelle entstehen aus den konkreten Erfahrungen des Kindes (z. B. der emotionalen Verfügbarkeit der Bezugspersonen, Zurückweisungen) und werden allmählich zu automatisierten Mustern im Umgang mit den eigenen Gefühlen, z. B. im Ausdruck oder der Regulation (Zimmermann, 1999). Diese Muster sind bei Kindern jedoch lange Zeit beziehungsspezifisch, so dass Qualität der Bindung zwischen beiden Elternteilen unterschiedlich sein. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass emotionale Verfügbarkeit der Eltern und die Fähigkeit zur feinfühligen und effektiven Regulation negativer Gefühle der Kinder wesentliche Voraussetzungen für den Aufbau einer sicheren Bindung beim Kind sind. Emotionale Verfügbarkeit bedeutet, dass man für das Kind anwesend und zugänglich ist, d. h. das Kind muss wissen, wo die Bezugsperson ist und wie es diese erreichen kann. Ein Kind muss erfahren und später auch sicher erwarten können, dass es bei Bedarf auch wirklich jemanden antrifft, bei dem es z. B. Körperkontakt und Nähe suchen und auch finden kann. Die Suche nach Körperkontakt ist bei älteren Kindern weniger häufig. Bei ihnen ist es salienter ihre Belastung sprachlich kommunizieren zu können. Dies kann bei älteren Kindern z. B. bedeuten, zumindest eine Kontaktmöglichkeit per Telefon zu haben. Neben der Erreichbarkeit, ist das zweite Kennzeichen emotionaler Verfügbarkeit die Zugänglichkeit der Bezugsperson, d. h. der anwesende Elternteil muss für die Suche des Kindes nach Trost und emotionaler Unterstützung offen sein und es nicht zurückweisen oder ignorieren. Somit kann ein Elternteil zwar anwesend und für das Kind erreichbar sein, es wird jedoch nicht emotional verfügbar sein, wenn er dem Kind nicht hilft die negativen Gefühle, die es zur Kontaktsuche bewegen zu regulieren. Emotionale Verfügbarkeit bedeutet für die Eltern nicht, dass man alle eigenen Aktivitäten für das Kind aufgibt. Zur Vermittlung von Sicherheit gehört auch, dem Kind etwas zuzutrauen, es zu ermutigen zu explorieren und ihm auch die Möglichkeit zu geben sich selbst zu regulieren. Verfügbarkeit wird dann anstrengend für die Eltern, wenn man nicht ebenso unterstützend beim Aufbau von Autonomie und Kompetenz der Kinder erzieht. Die Entwicklung von Autonomie und Kompetenz hilft dem Kind zur Selbstregulierung. Man kann davon ausgehen, dass Kinder neben dem Bindungsbedürfnis evolutionsbiologisch angelegt das Bedürfnis haben, etwas selbständig zu machen und sich selbst als kompetent zu erleben. Als Elternteil kann man dies unterstützen, indem man z. B. beim Spiel, dem Kind Erfolgserlebnisse vermitteln und ihm ermöglicht etwas selbständig zu tun. Auf der Basis solcher Erfahrungen baut es sich die Erwartung auf, dass die Eltern ihm helfen, wenn es mit der Außenwelt nicht zurecht kommt, sie es aber auch etwas selbst machen und ausprobieren lassen und nicht versuchen, dies für das Kind zu regulieren. Bindungssicherheit zeigt sich nicht darin, dass das Kind stets in der Nähe der Eltern bleibt, sondern, dass es sich ihrer so sicher sein kann, dass es beruhigt auch von ihnen weggehen kann, um zu explorieren und wieder zurück kommen kann, wenn es verunsichert ist. Eltern sind dann eine sichere Basis, von der aus das Kind sich traut die Welt zu explorieren und Erfahrungen zu machen, die für die Anpassungsfähigkeit und die Kompetenz des Kindes wichtig sind (Grossmann, Grossmann & Zimmermann, 1999).
Wenn Eltern keine sichere Basis sind, ist oft ein eingeschränktes Explorationsverhalten beobachtbar. Kinder, die sich kaum trauen den Körperkontakt zu den Eltern zu lösen und sich sogar in einem Zimmer voll spannender Spielsachen nicht von den Eltern lösen wollen, fühlen sich nicht sicher. Der enge Körperkontakt ist in solchen Fällen also nicht notwendigerweise ein Zeichen einer sicheren Bindung, sondern ein wesentlicher Hinweis darauf, dass die Eltern keine sichere Basis für das Kind sind und wenig regulierend für das Kind sind.. Bindungssicherheit heißt auch, dem Kind Sicherheit zur Exploration zu geben.

Der Bindungsaufbau beginnt im 1. Lebensjahr und festigt sich in den beiden weiteren Jahren. Bindungen sind aber dann noch nicht unveränderbar. Die empirischen Studien zeigen, dass Beziehungsabbrüche die Bindungsqualität an die Bezugsperson wesentlich beeinflussen können. Allerdings werden die alltäglichen Erfahrungen mit den Eltern mit zunehmenden Alter der Kinder weniger einflussreich in der Veränderung der Bindungsmuster, da sich die Kinder zunehmend feste Erwartungen (internale Arbeitsmodelle) aufbauen, die ihr Bindungsverhalten steuern. Internale Arbeitsmodelle sind als eine Steuerungsinstanz zu verstehen, in der sich Bindungserfahrungen, eigene emotionale Erfahrungen und Kontakte zu Bindungspersonen abgespeichert werden. Sie steuern das Bindungsverhalten, selbst wenn keine direkte aktuelle Einflussnahme auf das Kind zu beobachten ist. Internale Arbeitsmodelle können erklären, warum Kinder möglicherweise nicht aufgrund des aktuellen Verhaltens des Elternteils ihnen gegenüber vorsichtig sind, aber auch warum sie die Nähe eines Elternteils trotz längerer Kontaktunterbrechung suchen. Internale Arbeitsmodelle beeinflussen die Informationsverarbeitung, d. h. welche Aspekte einer Situation man in die Beurteilung einer Situation mit einbezieht, die Interpretation und die Erwartungen hinsichtlich des Verhaltens der Bezugspersonen. Eine zweite Funktion internaler Arbeitsmodelle ist die Emotionsregulation, d.h. der Umgang mit meist negativen Gefühlen (Zimmermann, 1999). Damit steuern internale Arbeitsmodelle das Verhalten der Kinder auch ohne direkte aktuelle Anweisung oder Einflussnahme durch die Betreuungspersonen.



Elternkonflikte aus bindungstheoretischer Sicht
Der negative Effekt dauerhafter, hoch emotionaler und nicht gelöster Konflikte zwischen den Eltern auf ihre Kinder ist in einer Reihe von Studien nachgewiesen (vgl. Cummings & Davies, 2002). Kinder, die Elternkonflikten ausgesetzt werden sind emotional belastet und zeigen dysfunktionale Muster der Emotionsregulation. Allerdings ist dies nicht immer im Verhalten zu beobachten. Eine Reihe von Kindern haben gelernt ihren Emotionsausdruck in solchen Situationen zu kontrollieren. Bei ihnen stellt man jedoch auf physiologischer Ebene emotionale Belastung fest. Eine Gruppe von Kindern, aber nicht alle, ist gut in der Lage die eigene emotionale Belastung im Gespräch klar zu äußern. Auswirkung von Elternkonflikten sind eine hohe motorische Unruhe beim Kind und eine Sensibilisierung für das Auftreten von Streit. Dies führt dazu, dass Kinder schon bevor der Streit ausbricht reagieren, manchmal auch um den Streit zu verhindern. Kinder sind durch dauerhaften und heftigen Streit der Eltern emotional verunsichert und häufig vigilant, ob eine solche Situation erneut auftritt. Die Emotionsregulationsstrategien der Kinder unterscheiden sich jedoch.

Ein Teil der Kinder versucht die emotionale Belastung dadurch zu regulieren, dass das Thema vermeiden. Sie ziehen sich zurück und möchten nicht über den Streit der Eltern sprechen. Die emotionale Belastung wird damit nicht mitteilbar und somit im sozialen Kontext schwer zu regulieren. Andere Kinder entwickeln eine Angstbindung, d.h. sie haben eine nicht altergemäße Angst sich von der Bezugsperson zu lösen und bleiben möglichst immer in ihrer Nähe. Die Kinder sind verunsichert und haben eine unbestimmte nicht konkrete Angst, dass etwas passieren könnte. Manchmal versuchen die Kinder zwischen den Eltern zu vermitteln oder Sie übernehmen eine Fürsorge oder Verteidigerrolle für einen Elternteil. Einige Kinder zeigen gerade bei Konflikten der Eltern störendes Verhalten, das Aufmerksamkeit der Eltern auf sich lenkt . All dies sind Strategien des Kindes, die eigene emotionale Belastung zu regulieren, sei es durch Veränderung der Situation oder durch Vermeidung sich mit der Belastung auseinander zu setzen. Bei den Eltern beobachtet man in ungelösten Konfliktsituationen, dass ihre Fähigkeit adäquate emotional Fürsorge und Erziehung für die Kinder zu bieten eingeschränkt ist. Emotional sind die Eltern selbst belastet, was zur Folge hat, dass sie weniger aufmerksam gegenüber den Kindern sind und in ihrer Fähigkeit auf die emotionalen Bedürfnisse der Kinder einzugehen eingeschränkt sind. Sie reagieren schneller mit Ärger und Zurückweisung gegenüber den Kindern oder wirken für die Kinder nicht belastbar. Beides führt dazu, dass das Kind die Eltern als emotional nicht verfügbar und nicht als effektive Bindungsperson erleben. Als Konsequenz zeigen die Kinder ein eingeschränktes Bindungsverhalten oder finden keine Sicherheit. Hinsichtlich der Erziehungskompetenz sind die Eltern Hochkonfliktfamilien oftmals inkonsistent und schwanken zwischen schnellem Nachgeben und großer Strenge mit der Konsequenz, dass die Kinder schwerer lenkbar werden und die Kinder sich oft durch die Eltern nicht akzeptiert fühlen. Bei Trennungen treten weitere Effekt auf. Bei den Eltern kann es zu einem negativen Selbstbild beitragen, verbunden mit einer Unsicherheit über die weitere Zukunftsperspektive. Manchmal geraten Eltern auch wieder in die Situation als Erwachsene wieder bei Ihren Eltern Unterstützung zu suchen und in einigen Fällen dadurch erneut selbst in die Kindrolle. Bei den Kindern führt die langandauernde Trennung von einer Bezugsperson, hauptsächlich dann, wenn eine sichere Beziehung bestand, zu Ärger oder Kummer, manchmal auch zu erhöhtem Trotzverhalten. Dies weicht allmählich Verzweiflung und einer Deaktivierung, der emotionalen Reaktion. Hinzu kommt, dass die Kinder sich verstärkt an die andere Bindungsperson klammern, da - auch wenn dies nicht tatsächlich der Fall ist - sie Angst haben auch diese zu verlieren. Trotz solcher emotionalen Reaktionen des Kindes, die deutlich machen, dass das Kind durch die Trennung von einem Elternteil belastet ist, ist bei erneuten Kontakten nach solchen Trennungen zunächst oft beobachtbar, dass das Kind distanziert und fast zurückweisend reagiert. Dies ist kein Anzeichen einer vermeidenden Bindung, sondern der Effekt des Bindungsärgers, den das Kind erfahren hat und tritt auch nach Trennungen außerhalb des Scheidungskontextes auf. Die weitere Kontaktgestaltung ist hier aufschlussreicher, um die Qualität der emotionalen Beziehung zu beurteilen. Die Deaktivierung der emotionalen Reaktionen führt dazu, dass das Kind weniger nach dem anderen Elternteil fragt oder von ihm spricht. Die ist jedoch kein Beleg dafür, dass der andere Elternteil nicht eine wichtige Bedeutung für das Kind hat.

Die emotionalen Reaktionen der Kinder und der Eltern erklären jedoch typische Muster der Konfliktspirale, die zu Verweigerung von Besuchskontakten durch Eltern oder Kinder führt, wie sie von Johnson (2001) zusammengefasst wurde. Manche Kinder vermeiden, auf Grund von Trennungsängsten, Verlustängsten oder um erneuten emotional hoch belastenden Erfahrungen zu entgehen wie z. B. Gewalt zwischen den Eltern beim Kontakt zum anderen Elternteil. Das Verhalten ist somit nicht dadurch motiviert, dass das Kind den Kontakt prinzipiell ablehnt, sondern weil dies für das Kind die einzige Möglichkeit darstellt, die eigenen negativen Emotionen zu regulieren. Das Ziel, emotionale Sicherheit zu erlangen wird dadurch jedoch nur bedingt erreicht. Die Kontaktverweigerung durch das Kind führt oft zur Interpretation des anderen Elternteils, das Kind sei beeinflusst worden, so dass dies zu erneuten Konflikten zwischen den Eltern führt. In anderen Fällen zeigt sich eine zwanghaft fürsorgliche Beziehung des Kindes gegenüber einem Elternteil. Dies ist eine für das Kind unangemessene Rolle und führt auch zum Versuch den Elternteil zu kontrollieren. Die Bindungsgeschichte der Eltern ist hier sicherlich ein entscheidender Einflussfaktor. Aus bindungstheoretischer Sicht versuchen Kinder so die Situation für sich selbst kontrollierbarer und damit weniger belastend zu gestalten. Die Parteinahme des Kindes für einen Elternteil ist oft auch dann festzustellen, wenn das Kind den Elternteil für den es eintritt durch den Kontakt zum anderen Elternteil als geängstigt oder belastet erlebt. Die Parteinahme stabilisiert den verbleibenden Elternteil und schafft somit beim Kind eine kurzfristige Sicherheit, dass ihm diese einzige Beziehung nicht auch noch verloren geht (vgl. auch Kindler et al., 2001; Scheuerer-Englisch, 2001). Kontaktverweigerung ist somit weder stets die Konsequenz einer direkten Beeinflussung des Kindes noch stets die Folge einer Ablehnung des anderen Elternteils. Dies zeigt sich am deutlichsten in den oftmals gut gelingenden, emotional positiven Kontakten zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil, der in Anwesenheit beider Eltern verweigert wurde oder nicht möglich erscheint. Dennoch gibt es sowohl Beeinflussung als auch Angst vor traumatischen Erfahrungen mit einem Elternteil und dies muss sorgfältig überprüft werden.
Durch Trennungen und Konflikte zwischen den Eltern wird das Kind deutlich belastet. Dies aktiviert das Bedürfnis des Kindes nach Schutz und Sicherheit, die es unter anderen Umständen und bei sicheren Bindungen bei den Eltern suchen würde. Die Eltern sind jedoch nicht emotional verfügbar, weil sie - wie oben beschrieben - selbst belastet sind und oft ihre Gefühle nicht angemessen regulieren können. Damit sind sie für die Kinder keine effektiven Bindungspersonen mehr und die Kinder verwenden andere Strategien, um ihre negativen Gefühle zu regulieren. Die Vermeidung einer Situation und auch die Vermeidung der gedanklichen Auseinandersetzung damit ist eine typische Regulationsstrategie von Kindern in Überforderungssituationen. In dauerhaften Konfliktsituationen ist die Vermeidung der Auseinandersetzung oder auch des Sprechens über die erlebte Belastung durch das Kind keine effektive Strategie. Konsequenzen für die Gestaltung von Besuchskontakten ergeben sich somit hinsichtlich der Organisation der Kontakte als auch hinsichtlich der Vermittlung von Einsichten auf Seiten der Eltern, über den Einfluss ihres Verhaltens auf die Kinder. Wesentlich ist es, für das Kind emotionale Sicherheit zu schaffen, so dass das Kind seine Bedürfnisse ohne Angst vor den spätern Konsequenzen äußern oder im Verhalten ausdrücken darf. Hierzu sind klare Verhaltensregeln mit den Eltern zu vereinbaren. Im begleiteten Umgang sollte die Begleitperson sowohl für das Kind als auch für die Eltern eine sichere Basis darstellen. Neben klaren Regeln des wechselseitigen Respekts ist es wichtig, den Eltern Wissen über Ursachen von Bindungs- und Explorationsverhalten ihres Kindes deutlich zu machen, so dass sie das Verhalten ihres verunsicherten Kindes verstehen und somit (wieder) feinfühlig reagieren können. Manche Eltern können zunächst nicht verstehen, dass das Kind die Eltern auch schützt, aber die Tatsache, dass die Kinder somit ihre eigene Verunsicherung regulieren weist die Eltern auf ihre wichtige Aufgabe als Bindungspersonen hin, nämlich ihre Kinder darin zu unterstützen, emotionale Belastung mit der Hilfe ihrer Eltern zu regulieren. Die Eltern werden dann wieder tatsächlich effektive Bindungspersonen für das Kind. Dies gelingt ihnen jedoch erst, wenn sie lernen ihre eigenen Gefühle in der Organisation der gemeinsamen Elternschaft trotz Trennung zu regulieren.

Literatur:
Cummings, M. & Davies, T. (2002) Effects of marital conflict on children: recent advances and emerging themes in process oriented research. Journal of Child Psychology & Psychiatry & Allied Disciplines, 43, 31-63.

Grossmann, K. E., Grossmann, K. & Zimmermann, P. (1999). A wider view of attachment and exploration: Stability and change during the years of immaturity . In J. Cassidy & P. Shaver (Eds.), Handbook of attachment theory and research (pp. 760-786). New York: Guilford.

Kindler, H., & Schwabe-Höllein, M. (2002): Eltern-Kind-Bindung und geäußerter Kindeswille; In hochstrittigen Trennungsfamilien. KindPrax, 5 , 10-17. Scheuerer-Englisch, H. (2000): Sicherheit schafft Vertrauen - begleiteter Umgang aus bindungstheoretischer und entwicklungspsychologischer Sicht. In Haid-Loh, A., Unger, F., Walter, E. (Hrsg): Sicherheit schafft Vertrauen - Bindungen und ihre Brüche. Dokumentation Bundesfachtagung zum begleiteten Umgang. Berlin.

Spangler, G. & Zimmermann, P. (1995, 4. Aufl. 2002). Die Bindungstheorie: Grundlagen, Forschung und Anwendung. Stuttgart: Klett-Cotta.

Zimmermann, P. (1999). Emotionsregulation im Jugendalter. In W. Friedlmeier & M. Holodynski (Hrsg.), Emotionale Entwicklung (S.219-240). Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft.

Zimmermann, P. (2000). Bindung, Emotionsregulation und internale Arbeitsmodelle: Die Rolle von Bindungserfahrungen im Risiko-Schutz-Modell. Frühförderung Interdisziplinär, 19,119-129.

Zimmermann, P. (2001). (Reaktive) Bindungsstörung im Kindesalter. In G. W Lauth, U. Brack, & F. Linderkamp (Hrsg.), Praxishandbuch: Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen (S. 113-123). Weinheim: Psychologie Verlags Union.