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Prof. Dr. Gunter Schmidt
Universität Hamburg,
Abt.- Sexualforschung
Die andere Seite der Sexualität -
Über spätmoderne Sexualverhältnisse
Was meine ich mit der ,,anderen" Seite der Sexualität und mit der ,,einen", die es dann ja auch geben muß. Ich erzähle dazu eine kleine Geschichte. Im Fernsehmagazin ,,Panorama" gab es vor einiger Zeit einen Beitrag über sexuelle Belästigung in gemischt geschlechtlichen Fitneßstudios. Die Botschaft des Beitrags war wenig überraschend: In diesen Studios, in denen junge, attraktive Männer und Frauen nebeneinander um schöne, strahlende Körper ringen und sich hinterher unter gemeinsamen Duschen den Schweiß von gerade gestählten Muskeln spülen, kommt es noch immer und tatsächlich zu lästiger Anmache, unerwünschten Avancen, schrägen Komplimenten - und zu ungehörigen Blicken auf Körperteile, die erst die Arbeit an den Maschinen freigibt. Film und Kommentar führten Betrachter und Betrachterinnen zu angemessener und zweifelsfrei berechtigter Empörung über männliches Treiben. Das ist die eine Seite der Sexualität.
Doch der Film machte ungewollt, wie ein Vexierbild, neben der programmierten Perspektive ,,sexueller Übergriff" die andere Seite sichtbar. Er zeigte nämlich: Erstens, wie allgegenwärtig heterosexuelle Szenen heute hergestellt - und zugleich enterotisiert, entschärft werden (das Duschen zweier Fremder allein im Raum ist in der Tat nur noch Reinigung, meistens); zweitens, wie selten in solchen, nur noch scheinbar sexuellen Situationen Verführung und Übergriffe tatsächlich vorkommen (wenn auch letztere noch zu oft); und drittens, wie hoch die Disziplin und wie streng die Etikette sind, mit oder nach denen sich nackte oder fast nackte, geschlechtstüchtige Männer und Frauen in intimen Räumen bewegen.
Allgemeiner:
Übergriff, Traumatisierung, Zwang und Gewalt sind die eine Seite der Sexualität, die Seite, mit der viele von Ihnen beruflich vor allem konfrontiert sind; Entdramatisierung, Demokratisierung und entfaltete Selbstkontrolle die andere, mit der ich mich hier vor allem beschäftigen werde. Und wir brauchen die Fähigkeit zum Zwiespalt, um dieses Nebeneinander, die Existenz beider Seiten, nicht aus den Augen zu verlieren.
Was hat die "andere" Seite hervorgebracht? Zum liberalen Diskurs der 60er und 70er, der den Wegfall vieler Sexualverbote besiegelte, ist in den 80er Jahren ein ,,equal rights" - Diskurs, ein Selbstbestimmungskurs, hinzugetreten. Dieser Diskurs - von Frauen und der Frauenbewegung zum Tanzen gebracht - thematisiert sexuellen Zwang, sexuelle Gewalt in allen ihren Gestalten, Verkleidungen und Verdünnungen (Vergewaltigung, Pornographie, sexueller Mißbrauch, sexuelle Belästigung, Sexismus im Alltag und in den Medien) - und bringt zugleich als Nebenfolge, einen neuen Sexualkodex hervor, einen Kodex, der nicht alte Verbote neu installieren will, sondern der den sexuellen Umgang friedlicher, kommunikativer, berechenbarer, rationaler verhandelbar, herrschaftsfreier machen oder regeln will.

Verhandlungsmoral
Anfang der 90er Jahre trieben die Studenten von Antioch, einem kleinen liberalen College in den USA, diesen neuen Kodex, die neue sexuelle Ordnung karikaturhaft auf die Spitze und machten sie so sichtbar. In ihrer Vollversammlung beschlossen sie für beide Geschlechter und alle sexuellen Orientierungen einen Katalog sexueller Korrektheit, Regeln fürs Flirten, fürs Küssen, Streicheln, Schmusen und Beischlafen.
Das Prinzip ist einfach: Explizite Fragen und explizite verbale Zustimmung für jede neue Ebene des sexuellen Kontaktes, also eine klare Frage und ein klares "Ja" zum Kuß, zur Körperberührung, bei jeder erogenen Zone, zu jeder Form der Stimulation, sind Voraussetzung gemeinsamer Sexualität. So, wie der oder die Verführende - will man sie noch so nennen - verpflichtet ist zu fragen, so ist der oder die zärtlich oder sexuell Adressierte komplementär dafür verantwortlich, seine oder ihre Bereitschaft oder das Fehlen dieser Bereitschaft verbal oder körperlich, in jedem Fall aber deutlich, auszudrücken.
Die Geschichte aus Antioch erscheint uns bizarr; doch sie - und deshalb erzähle ich hier- beleuchtet grell und wahrhaftig eine allgemeine und verblüffende gesellschaftliche Tendenz: Die Abschaffung der Sexualmoral im herkömmlichen Sinne und ihre Ersetzung durch eine Verhandlungsmoral der Partner. Die alte Sexualmoral war essentialistisch und qualifizierte bestimmte sexuelle Handlungen - zum Beispiel voreheliche oder außereheliche Sexualität, Masturbation, Homosexualität, Oralverkehr, Verhütung oder was auch immer - prinzipiell als böse, weitgehend unabhängig von ihrem Kontext. Sie war eine ,,Moral der Akte". Zentrale Kategorie der Verhandlungsmoral dagegen ist die Forderung nach vereinbartem, ratifiziertem Sexualverhalten, der ausdrückliche Konsens - man hat sie deshalb auch Konsensmoral genannt. Verhandlungsmoral setzt die Automatik sexueller Interaktion - ,,wer sich küssen läßt, will auch mehr"-, auf die sich Männer so oft berufen, außer Kraft; Frauen (und Männer) behalten die Entscheidungs- und Definitionsmacht auf jeder Stufe. Ein Kuß ist nur ein Kuß, eine wilde Liebkosung nur eine Liebkosung, die Einladung, noch mit ,,nach oben" zu kommen, nur die Einladung auf einen Schluck Wein oder Kaffee - nicht mehr oder nicht notwendig mehr.
Da Verhandlungsmoral nicht, wie gesagt, sexuelle Handlungen oder Praktiken bewertet, sondern die Art und Weise ihres Zustandekommens, also Interaktionen, hat die Verhandlungsmoral klare liberale Züge. Die Studenten von Antioch sind nicht prüde. Ob hetero-, homo- oder bisexuell; ehelich oder außerehelich; genital, anal oder oral; zart oder ruppig; bieder oder raffiniert, sadistisch oder masochistisch, zu zweit oder in Gruppen - all das ist moralisch ohne Belang. Von Belang ist, daß es ausgehandelt wird; und selbst Abstinenz kann verhandlungsmoralisch wieder zu Ehren kommen, verkleidet als ,,neue Keuschheit". Die Konsequenz ist ebenso radikal wie bemerkenswert: Die "normale" Sexualität, Heterosexualität, wird zu einem von vielen Lebensstilen, eine von viele möglichen Arten, sexuell zu sein. Die sexuellen Perversionen - oder das, was man vorher so nannte - verschwinden und etablieren sich als eben solche Lebensstile, als eine Facette der Vielfalt, medial schonungslos präsentiert und bekannt gemacht, allseits stolz geoutet. Und nur noch solche sexuellen Besonderheiten, die die Verhandlungsmoral inhärent verfehlen, z.B. die Pädophilie wegen des Machtungleichgewichts der Partner, bleiben als Perversion erhalten und werden heute unnachsichtiger ausgespäht und verfolgt als früher.
Die Verhandlungsmoral bewirkt einen starken Rationalisierungsschub der Sexualität. Unberechenbarkeit und Risiken sollen ausgeschaltet werden, Vorhersagbarkeit und Überschaubarkeit gewährleistet sein. Sie gründet sich auf einen beinahe rührenden Glauben an die Rationalisierbarkeit der Sexualität - dachte ich lange; doch konfrontiert sie uns nicht vielmehr mit unserem rührenden Glauben an dessen Irrationalität? Ehrwürdige Bilder und Konzepte unsere Kultur - Sexualität als Trieb und Wildheit, als unbändige, tabusprengende und transformative Kraft, als ewiges Drama, als Verstrickung auf Leben und Tod - goutieren wir noch selig im Kino, wie jüngst in "Titanic", und wissen doch, das ist von gestern und untergegangen wie das Schiff. Der Begriff "Leidenschaft" ist heute so obsolet wie der der "sexuellen Sünde", zu dem sich nur noch die katholische Kirche in rebellischer Antiquiertheit bekennt. An seine Stelle tritt die absurde (gemessen an den gerade erwähnten Vorstellungen einer "wilden" Sexualität), aber inzwischen korrekte Floskel "Sexualität ist Kommunikation". Das Verschwinden der Sexualmoral, allgemeiner gesprochen, die fortgeschrittene Enttraditionalisierung von Sexual-, Beziehungsund familiären Verhältnissen, hat britische Soziologen dazu bewegt, eine sexualpolitische Vision zu entwickeln, die zweifellos durch die Gewalt- und Geschlechterdebatte beeinflußt ist, und die das Gewirr der Optionen zugleich gewährleisten und wohl auch ein wenig ordnen soll. Intimate citizenship nennen sie diese Vision. Sie beschreibt eine auch im Sexuellen zivile und demokratische, radikal-pluralistische und radikal-toleranteGesellschaft, in der gleichberechtigte Individuen "Intimität" selbst bestimmt, aber die Grenzen anderer achtend, leben und regeln. (Intimität wird dabei breit definiert und umfaßt sexuelle Präferenzen und Orientierungen, Beziehungsformen, Formen der Kinderaufzucht und des Zusammenlebens, Versionen von Männlichkeit und Weiblichkeit). Der oder die bewußt abstinent Lebende wird sowenig diskriminiert wie der oder die Ausschweifende, die ,,Treuen" sowenig wie die ,,Untreuen", die Mono-sexuellen so wenig wie die Ambisexuellen, usw., alle finden sozusagen ihre Heimat in der Vielfalt. Intimate citizenship ist der ethische-politische Überbau der "von unten" entstandenen, von den Leuten gemachten Verhandlungsmoral. Auffällig ist nur, daß sich heute Soziologen für diesen Überbau zuständig fühlen. Dies zeigt, wie bedeutungslos die traditionellen normsetzenden Institutionen geworden sind, zumindest im Bereich des Sexuellen.

Reine Beziehungen
Den neuen Sexualverhältnissen entspricht eine moderne Beziehungsform, die Anthony Giddens als reine Beziehung beschreibt. Heterosexuelle bewegten sich auf diese Beziehungsform zu, bei homosexuellen Männern und lesbischen Frauen trete sie schon klarer in Erscheinung. Die reine Beziehung (das Adjektiv ist beschreibend, nicht wertend zu verstehen, also im Sinne von pur oder unvermischt) wird nicht durch materiale Grundlagen oder Institutionen gestützt, sie wird nur um ihrer selbst willen eingegangen, sie hat nur sich selbst und besteht nur, solange sich beide darin wohl fühlen, solange beide einen emotionalen "Wohlfahrtsgewinn" haben. Dadurch ist ihre Stabilität riskiert, ja, es gehört zu ihrer Reinheit, prinzipiell instabil, episodisch zu sein, sie verriete ihre Prinzipien, wenn sie Dauer um der Dauer willen anstrebte. Die zunehmende Anzahl der Scheidungen, die zunehmende Zahl nicht ehelicher Beziehungen und Familien, die kürzer werdenden Beziehungen, die Tatsache, daß heute 3ojährige durchschnittlich schon mehr feste Beziehungen hinter sich haben als 7ojährige in ihrem viel längeren Leben, oder auch daß wir noch nie eine Regierung hatten, die so verheiratet war wie die neue (wie die taz neulich feststellte, Schröder in vierter, Lafontaine in dritter Ehe, Fischer nach drei Ehen wieder auf Brautschau), all das sind Folgen der reinen Beziehung -Folgen einer neuen Beziehungskonzeption, nicht eines Werteverfalls. Aus dem Paar, das durch basale Aufgaben, durch Institutionen, lebenswichtige wechselseitige Abhängigkeiten, durch Normen zusammengehalten wurde, wird ein rekreatives und Erlebnisteam. Beide Partner müssen vielfältige Talente entwickeln, um das Wohlfühlen - zumindest eine zeitlang - zu gewährleisten, vor allem die Fähigkeit - des Aushandelns von unterschiedlichen Interessen, Wünschen, Vorstellungen. Vereinbarungen und Abmachungen treten an die Stelle von Geschlechtsrollenvorschriften. Wenn die Geschlechterrollen weniger festgezurrt sind - eine Voraussetzung der reinen Beziehung - muß der gesamte Alltag (nicht nur die Sexualität) ausgehandelt werden: Wer kocht, wer kauft ein, was unternimmt man gemeinsam, wer bringt die Kinder zur Schule, wer holt sie ab, wer paßt abends auf sie auf, wer trifft Freunde, wer erledigt die Telefonate mit Oma und Opa usw. usf.. Doch auch schon der Beginn einer Beziehung, das Verlieben, kann Tausch - oder Verhandlungssache sein. In einem modernen Theaterstück sagt ein Protagonist: ,,Ich bin verliebt in Ford, falls er in mich verliebt ist, ich lasse mich in keine einseitige Affäre verwickeln".
Die reine Beziehung ist nicht notwendig monogam, da auch darüber eine Vereinbarung zu treffen ist. Die meisten heterosexuellen Paare - auch jüngere - scheinen sich für Treue zu entscheiden, so daß serielle Monogamie zum vorherrschenden Beziehungsmuster bzw. zur vorherrschenden Erscheinungsform der reinen Beziehung wird. Offenbar wird serielle Monogamie immer weiter perfektioniert - sie ist heute monogamer und serieller als vor 20 Jahren, d.h.die jungen Männer und Frauen sind heute treuer in kürzeren Beziehungen. Allerdings hat ihr Verständnis der Treue mit dem ihrer Großeltern wenig zu tun, weshalb man auch nicht davon reden kann, daß sie wieder ,,traditioneller" geworden sind: Im Zeitalter der reinen Beziehung ist Treue nicht an eine Institution (Ehe) oder per se an eine Person gebunden, sondern an das Gefühl zu dieser Person: Treueforderung und -verpflichtung gelten nur, so lange die Beziehung als intakt und emotional befriedigend erlebt wird. Als ,,schwebend" hat Zygmunt Bauman die Liebe in der reinen Beziehung beschrieben, eine Liebe, die das Versprechen auf Freiheit mit dem Gespenst der Unsicherheit1verbindet, Freiheit und Bindung ambivalent in der Schwebe hält. Da nur selten beide Partner zugleich ihre Freiheit wieder haben wollen, ist die reine Beziehung, wie andere Beziehungsformen auch, mit Leiden verbunden. Die wiedergewonnene Freiheit des einen bedeutet oft Einsamkeit, Verzweiflung, Kränkung für den anderen. Der oder die Sich-Trennende (in der Regel ist es eine "die") empfinden auffällig selten Schuldgefühle. Denn der Anspruch, nur der Authetizität der Gefühle zu folgen, diese nicht zu verraten, ist quasi-moralisch geworden.
Die Folgen von Trennung und Scheidung für die Kinder werden in dieser Situation anders bewertet, andere Sichtweisen zeichnen sich ab: Sie gelten wohl weiterhin als trauriges und belastendes Ereignis für die Kinder; aber auch Chancen werden gesehen, die neuen Optionen betont: Die neuen Partner der Eltern erweitern den Erfahrungskreis der Kinder mit nahestendenden Erwachsenen oder Elternfiguren, erweitern den sozialen Horizont der Kinder über die begrenzte Kleinfamilie hinaus. Liest der Vater schöne Geschichten vor, so kann der neue Mann der Mutter Skifahren und Bergsteigen "einbringen"; ist die Mutter zugewandt und behütend, so kann die neue Frau des Vaters Durchsetzungskraft, Abenteuertum und Berufsbezogenheit der Frau demonstrieren.
Die große Schwester der reinen Beziehung ist die postfamiliale Familie, die Elisabeth Beck-Gernsheim beschrieben hat, mit ihrer neuen Vielfalt, familiär zu sein, mit ihrer Buntheit familiärer und quasi familiärer Verhältnisse und ihren neuen Formen der Mütterlichkeit, der Väterlichkeit und der Geschwisterlichkeit. Kinder wachsen bei ihren verheirateten oder unverheirateten Eltern auf, oder bei einem Elterteil, der alleine lebt oder mit einem neuen Partner, mit dem er weitere Kinder hat oder nicht, und /oder der aus anderen Beziehungen Kinder mitbringt oder nicht; der Kontakt zum anderen Elternteil ist stark oder schwach, dieser lebt allein oder mit neuem Partner, mit dem er gemeinsame Kinder hat oder nicht, der Kinder aus früheren Beziehungen hat oder nicht - und so weiter und so fort. Dieser verwirrenden Vielfalt der Sozialisationsbiographien der Kinder entspricht die Vielfalt der Beziehungsbiographien der Eltern. Die alte Normbiographie - Eltemfamilie, Junggesellenzeit, eigene Familie, Verwitwung (sofern der Partner früher stirbt), Ende - wird zunehmend zu einer Randexistenz. An ihre Stelle tritt ein kaum beschreibbarer, bunt gescheckter biographischer Beziehungspluralismus - als Folge der reinen Beziehung. So wie die Verhandlungsmoral nur "moralisch" ist, solange gleich starke - also ökonomisch, emotional oder sonstwie nicht erpreßbare - Partner beteiligt sind, so ist die reine Beziehung nur bei solchen Paaren "rein", die an Macht sich gleich sind. Es sind tatsächlich demokratische Formen von Moral und Beziehung. Da lesbische und schwule Partnerschaften durch das gesellschaftliche Mann - Frau Ungleichgewicht nicht behelligt sind, ist bei ihnen, wie gesagt, die reine Beziehung klarer ausgeprägt. Bei heterosexuellen Paaren wird sich diese Beziehungsform in dem Maße etablieren und ihrem Idealtyp annähern, in dem die geschlechtsgebundene Verteilung von Arbeit, Aufgaben und Macht weiterhin abnimmt. Und sie ist heute in solchen Gruppen am häufigsten anzutreffen, in denen diese Bedingungen am ehesten entwickelt sind, zumindest temporär, z.B. bei jungen Paaren - ohne Kinder.

Widersprüche
Natürlich verläuft der von mir skizzierte Wandel sexueller Verhältnisse voller Widersprüche, und er wird durch viele Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wir stehen vor einem scheinbaren Paradoxon: Neukodifizierung und Demokratisierung heterosexueller Beziehungen und Interaktionen - oder noch zugespitzter: "Pazifizierung" der männlichen Sexualität - einerseits; andererseits unübersehbare sexuelle Aggression, Machtausübung und Gewalt von Männern gegenüber Frauen. Unsere Interviewuntersuchung an 16- und 1 7jährigen Jungen und Mädchen aus Großstädten zeigen beide Seiten deutlich. Zum einen erleben Jungen ihre Sexualität heute seltener als vor 20 Jahren als impulshaft und drängend; die Grenzen und Wünsche, die Mädchen selbstbewußter setzen und äußern, wollen und können sie besser respektieren, ohne sich "unmännlich" zu fühlen. Zum anderen haben viele Mädchen, kaum 16 oder 17 Jahre alt, traumatische sexuelle Erfahrungen gemacht, Erfahrungen mit sexuellem Zwang bis zur Gewaltandrohung und Gewaltausübung - auch, allerdings selten, mit Gleichaltrigen. Sagten 1970 noch vier von fünf Mädchen, daß sie den ersten Geschlechtsverkehr "dem Jungen zu liebe" gemacht haben, so ist es heute gerade noch jede Vierte. Das ist eine große Veränderung, einerseits; doch Jungen sagen das so gut wie nie, andererseits. Ähnliche Tendenzen sehen wir bei Patientinnen, die uns wegen sexueller Lustlosigkeit konsultieren. Die Durchsicht alter Therapieberichte aus den 70er Jahren zeigen, daß damals fast 80% dieser Frauen zumindest gelegentlich, fast die Hälfte sogar mehrfach monatlich lustlos und widerwillig den an ihnen vollzogenen Koitus ertrugen. Sehr viel mehr lustlose Paare - aber wieder: nicht alle - leben heute abstinent. Die Frauen sagen deutlicher "nein" , die Männer respektieren dies häufiger; Verhandlungsmoral wird sichtbar, aber auch ein anderes Verständnis von Sexualität: als etwas Gemeinsames, nicht als Beute oder Triebentsorgung des Mannes.
Kurz, die Geschlechter- und Gewaltdebatte sowie die tatsächlichen Veränderungen des Geschlechterverhältnisses sensibilisieren die Wahrnehmung für Übergriffe und Machtausübung im Sexuellen, ,,verfeinern" und demokratisieren die sexuellen Umgangsformen im Sinne der Verhandlungsmoral und der reinen Beziehung; Gewalt aber besteht weiter, als Relikt der längst nicht überwundenen alten Geschlechterformation und möglicherweise auch als Reaktion auf die Veränderungen, auf den Verlust alter Privilegien, Rollen und Selbstverständlichkeiten, auf die Aufkündigung der weiblichen Komplizenschaft bei der Aufrechterhaltung der alten Geschlechterordnung.

Zwei Sexualwelten
Ich habe bisher vor allem über den Wandel von Moral und Beziehungen gesprochen und möchte mich nun noch einmal der Sexualität zuwenden. In einer Glosse der ,,New York Times" auf die zeitgenössische Sexualität wird meine fiktive Kollegin Dr. Frieda nach den wichtigsten neuesten und aufregendsten Ergebnissender Sexualforschung gefragt. ,,Wir wissen heute", antwortet sie, ,,daß das wichtigste Geschlechtsorgan des Mannes seine Finger sind, das wichtigste Geschlechtsorgan der Frau ist ihr Mund; mit seinen Fingern füttert er sie mit Pralinen, mit ihrem Mund sagt sie ihm, wie toll er ist". Das ist ein Spottlied, aber klein schlechtes, auf Heterosexualität und die Intimität heterosexueller Paare
Die Klage "ich habe keine Lust", hat bei Patienten, vor allem aber bei Patientinnen, die unsere Ambulanz aufsuchen, in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Aber das Symptom "Lustlosigkeit" ist vermutlich nur der entschiedenste Ausdruck einer weit verbreiteten sexuellen Langeweile bei Paaren, die schon länger zusammen sind. In den USA wurde schon ein Meßinstrument zur Erfassung sexueller Langeweile entwickelt, validiert und standardisiert, so daß jeder seine Langeweile verorten kann. Die vielen neuen, methodisch zum Teil anspruchsvollen Studien über das Sexualverhalten von Männern und Frauen in den westlichen Industriegesellschaften zeigen verblüffend einhellig, daß weite Teile der heterosexuellen Welt sexuell ziemlich inaktiv sind - und zwar von Helsinki bis San Francisco, von Marseille bis Edinburgh. Vermutlich ist das nichts Neues. Aber interessant wird dieser Befund durch den Widerspruch, den er sichtbar macht: den Widerspruch zwischen den bunten und wilden Sexmärchen der Medien, die ausmalen wie alles zu sein hat, und dem spärlichen sexuellen Alltag der meisten Menschen. Eine groteske Diskrepanz scheint zu bestehen zwischen innerer ,,Entsexualisierung" und äußerer Sexualisierung dieser mit Sexualreizen vollgestopften Außen- und Medienwelt. Zwei Interpretationen dieser Diskrepanz gibt es, eine französisch -dramatische und eine angelsächsisch - pragmatische. (Ich bewege mich seit einiger Zeit langsam aber sicher von der ersten weg und auf die zweite zu):?
Zur ersten Position: Jean Baudrillard malt eine "frenetische Frigidität" von uns Zeitgenossen wie ein Menetekel an die Wand und gibt zu bedenken: "Nichts ist ungewisser als der Wunsch hinter den Wucherungen seiner Gestalten". Die Gestalten des Wunsches, die Sexbilder und -zeichen, die überall um uns herum wuchern, saugen unsere Wünsche auf, betäuben sie und machen sie unspürbar. Den Viktorianer, so sagt man, stieß ein unverhülltes Pianobein in erotische Verwirrtheit; uns lassen nackte Leiber kalt. Fremde geschlechtstüchtige Männer und Frauen sitzen gemeinsam, wie wir sahen, in Fitneßstudios und in der Regel müssen nur noch gelegentliche unzüchtige Blicke unter Kontrolle gebracht, verhandlungsmoralisch bewältigt werden. 1 6jährige sehen heute mit Gelassenheit Sex- oder Pornoszenen in Kino oder Fernsehen, die ihre Väter vor 25 Jahren noch in hellen sexuellen Aufruhr versetzt hätten. Diese neue Gelassenheit, mit Sexualreizen umzugehen, ist für John Gagnon, einem Protagonisten der zweiten Position, nicht - wie bei Baudrillard - Folge sexueller Abstumpfung oder Auszehrung, sondern Voraussetzung für ein spätmodernes Phänomen, nämlich die Entstehung zweier Sexualwelten, die nebeneinander existieren: die Welt des Symbolischen und die Welt des Verhaltens, also die Welt des Träumens und des realen Sex. Männer und Frauen betreten die symbolische Welt nicht aus Enttäuschung über ihr eigenes Sexualleben, sie seien mit ihrem langweiligen Sexualleben schon ganz zufrieden, sie tun es, weil die symbolische Welt eine Welt ohne Friktionen und Kosten bietet. "Man kann Kontakte mit schönen Körpern haben, man kann sich wunderschöne Körper ansehen ohne Investitionen", materielle oder seelische. Die beiden Sexwelten sind in vieler Hinsicht unabhängig, keine hat Priorität, und die reale soll keineswegs so sein wie die in der Phantasie. (Einer Ehe mit Claudia Schiffer oder Leonardo di Caprio fühlten sich nur wenige gewachsen). Phantasiekonsum und das Zelebrieren der Phantasie sind längst ein eigener wichtiger Bereich des Sexuellen geworden, aber eben nicht als Ersatz für die Realität, sondern als etwas eigenes. Der spätmoderne Mensch - so der Kopenhagener Soziologe Henning Bech - nimmt in der urbanen und teleurbanen Welt ständig nicht-orgastische sexuelle Beziehungen zu Fremden auf: Er flaniert durch Straßen oder Fernsehkanäle und goutiert - eher wohltemperiert und vergnügt als außer Atem - erotische Stimuli als belebend, lustvoll, ohne aufwühlende, zur Tat drängende Erregung zu spüren, man ist just activated. Sexualität und Erotik werden also stark in die Phantasie ausgelagert und führen dort ein eigenes, nicht auf Umsetzung zielendes Leben, ein buntes, oft "vorlustiges", aber auch ein autonomes Leben, jenseits von Partnerschaft. Das mag der Grund dafür sein, daß Masturbation in den letzten beiden Jahrzehnten ein neues Gewicht und eine neue Bedeutung gewonnen hat. Selbstbefriedigung und Partnersexualität koexistieren heute friedlich. Sexualerhebungen zeigen deutlich, daß gerade bei jungen Männern und Frauen die Tendenz ganz erheblich zugenommen hat, Masturbation in einer festen Liebesbeziehung als sexuelle Praktik beizubehalten - offenbar als eine Möglichkeit selbstbestimmter, frei verfügbarer, autonomer, heimlicher und durchaus erholsamer Sexualität. Sie sehen die Masturbation nicht als Ersatz für zu geringe Partnersexualität, sondern als eine eigenständige Sexualform, die ziemlich unabhängig von der Koitusfrequenz und der Zufriedenheit mit der gemeinsamen Sexualität praktiziert werden kann.
Vom ,,Designer-Sex" hat die Rocksängerin Ulla Meinecke gesprochen oder gesungen - in Anlehnung an die sogenannten ,,Designer-Drogen", die so zusammengestellt, ,,entworfen" werden, daß sie einen angezielten, vorausberechenbaren emotionalen Zustand erzeugen oder erzeugen sollen. Nicht nur in der Phantasie kann Sex designt, auf Wünsche und widerstreitende Bedürfnisse zugeschnitten, selbstoptimiert werden. Aus Dirnen, Huren, Prostituierten, Strichern werden in dieser Situation Sexarbeiterlnnen mit differenziertem Angebot. In Hamburg ~a schon auf flachem bayrischen Lande in Regensburg) gibt es Agenturen für Seitensprünge. Offenbar ist dies 1kein freundliches Etikett für Prostitution, sondern das Angebot zielt auf die Vermittlung zweier Gleichgesinnter gegen Gebühren. Mit einem Minimum an Verführungsaufwand und Betörungsanstrengung wird die Affäre gebucht - lean production, designed Sex.
Gibt es bald designten Sex aus designten Drogen? Viagra, das derzeit männliche Phantasien so ins Kraut schießen läßt, ist nur der Beginn. Seit Jahren wird wild mit Substanzen herumgeforscht, mit denen sexuelle Reaktionen, Funktionen und Empfindungen zu beeinflussen sind. (Die Pharmariesen haben inzwischen alle ein sexdrug department). Visionen steigen auf: einmal eine Droge, um eine Zeit lang von der Sexualität unbehelligt zu bleiben, frei von ihr zu sein; ein andermal eine Mixtur, die zu mehrtägigen Orgien verleitet und befähigt; und dann mal eine, die zu ruhigem Sex voller kuscheliger Orgasmen und somnabuler Innigkeit animiert. Das Menü ließe sich fortschreiben. Und dann die Möglichkeiten des Internet und Cyberspace, die noch keiner so richtig kennt und die doch schon Kulturkritiker wie Sexualvisionäre auf Touren bringen. Auch hier ringen Romantiker mit Pragmatikern, Franzosen mit Angelsachsen. Sexuelles Gequatsche rund um den Globus wird uns verheißen, das Eintauchen in pornographische Geschichten, die man mit-erzählt, in denen man einen Part übernimmt, und die Teilnahme an virtuellen Orgien. In jeder Rolle könne man das virtuelle Feld betreten, jede "Identität" könne man annehmen: als Mann, als Frau, als Schwuler oder Lesbe, als Alte oder Junger, über Wochen und Monate, solange das Spiel geht. Und die Experten geraten ins Grübeln. Sind das nur weitere bizarre Erscheinungsformen männlicher Sexualität; neue Ersatzbefriedigungen unglücklicher und einsamer Jugendlicher oder Erwachsener, die im Herzen doch nur von der guten alten Liebe träumen? Oder Sphären neuer kommunikativer sexueller Phantasien, Wege in neue Freiheiten, mit Geschlechts- und Sexualidentitäten zu spielen, sie dabei spielerisch aufzulösen, das Flanieren in teleurbanen Bechschen Welten, um nichtorgastische, gelegentlich auch orgastische, Beziehungen zu Fremden aufzunehmen? Oder ist es der Niedergang der Liebe schlechthin, wie Paul Virilio in einem verzweifelt anmutenden, tieftraurigen Essay schreibt; ,,die Niederlage des Liebemachens zugunsten einer maschinellen Täuschung". Gelassener sehen es Benutzer oder Anwender: "RL" (= real life), so eine inzwischen fast legendäre Aussage eines lnternetzers, "RL ist nur ein Fenster mehr und nicht einmal mein bestes". Ist "RS", real sex, auch nur eine Möglichkeit mehr und auch nicht einmal die beste?

Postmodernisierung des Sex?
Für Zygmunt Bauman signalisiert ein solcher "postmoderne Gebrauch" der Sexualität radikale Veränderungen. Sexualität verbünde sich nun weder mit der Fortpflanzung noch mit der Liebe, sondern verlange Unabhängigkeit von beiden; sie verkünde stolz, nur für sich selbst da zu sein, in sich selbst genug Sinn und Zweck zu finden. Nicht mehr Trieb oder Instinkt sind Metaphern für Sexualität, sondern Suche nach Erregungen, Reizungen und thrills; nicht Befriedigung im Sinne von Bedürfnislosigkeit und Ruhe ist das Ziel, der bedürfnislose Zustand ist eher ein Alptraum, sondern das Spiel mit Erregungen, ständig, endlos. Die Quintessenz spätmoderner Sexualität formuliert Bauman so: ,,Verlangen verlangt nicht nach Befriedigung. Im Gegenteil, Verlangen verlangt Verlangen". Und so sind die spätmodernen Erregungssucher und Empfindungssammlerinnen, wir alle, ständig unterwegs auf der Suche nach Reizen, der Körper ist ein Empfänger von Reizen - sexuellen wie nicht sexuellen -, die er aufsaugt und verdaut, kein Sender mehr der von Innen kommenden Triebimpulse. Ist der spätmoderne Erregungssammler sexuell ungefährlicher als der mit einem Sexualtrieb ausgestattete Mensch - oder besser Mann - der Moderne? Einiges spricht dafür. Das bürgerliche Drama der Sexualität (s.o.) wird zunehmend zu einer nostalgischen Reminiszenz (denn es braucht die naturalistisch-romantische Konstruktion ,,Trieb"). Die moderne, intelligente Pornographie, z.B. die schwulen Comics von Ralf König, die auch von vielen heterosexuellen Männern und Frauen mit schierem Vergnügen gelesen werden, inszenieren das Drama ,,Sexualität" nur noch als Groteske und führen es so ad absurdum. "Sex ist so schön wie Skifahren, und das will was heißen" sagt ein Student einer unserer Studien auf die Frage, was ihm Sexualität bedeute. "Ein bißchen Rauchen, ein bißchen Trinken, ein bißchen Sex", antwortet eine junge Frau, Teilnehmerin an der Berliner Loveparade, auf die Frage, was sie vom Spektakel erwarte. Oberflächlicher Sex, wird man mit Strenge einwenden, affektscheu und banalisiert. Möglich, aber auch frei von falschem Tiefsinn, entmystifizierter Sex.
Literatur
- Bauman, Zygmunt. Über den postmodernen Gebrauch der Sexualität. In: Gunter Schmidt und Bernhard Strauß (Hg.), Sexualität und Spätmoderne. Enke, Stuttgart 1998
- Beck - Gernsheim, Elisabeth. Auf dem weg in die posifamiliale Familie. In: Ulrich Beck und Elisabeth Beck - Gernsheim (Hg.) Riskante Freiheiten. Suhrkamp (TB), Frankfurt a.M. 1994
- Gagnon, John H. 11Sexual conduct" revisited. Zeitschrift für Sexualforschung 11, 353 - 366, 1998
- Giddens, Anthony. Wandel der Intimität. Sexualität, Liebe und Erotik in den modernen Gesellschaffen. Fischer (TB)1 Frankfurt a.M. 1993
- Plummer, Ken. Telling sexual stories. Zeitschrift für Sexualforschung 10, 69 - 81,1997
- Schmidt, Gunter. Sexuelle Verhältnisse. Über das verschwinden der Sexualmoral. Rowohlt (TB), Reinbek 1998
- Sigusch, Volkmar. Kultureller Wandel der Sexualität. In: ders. (Hg.), Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. Thieme, Stuttgart 1996

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