1. Das Kinderschutzforum als Instrument der Qualitätssicherung einer modernen Jugendhilfe
Das alle zwei Jahre stattfindende Kinderschutzforum bietet eine fachliche Plattform
für einen breiten Austausch zur Qualitätssicherung der modernen Jugendhilfe
und hat sich zu einem zentralen Kinderschutzkongress in Deutschland
entwickelt. Die vorangegangenen sechs Kongresse haben verdeutlicht, dass
die Praxis des Kinderschutzes und der Jugendhilfe die wissenschaftliche Forschung
und Reflexion dringend benötigt. In Form von Fachforen, Workshops
und Einzelvorträgen wird auch beim 7. Kinderschutzforum im Jahr 2008 über
methodische und fachliche Probleme berichtet und diskutiert werden. Im Dialog
zwischen Wissenschaft und Hilfepraxis werden Strukturen und Funktionsweisen
der Jugendhilfe erörtert, interdisziplinäre Kooperationen befördert, neue Hilfeansätze
vorgestellt sowie Handlungskompetenzen entwickelt.
2. Ziele und Schwerpunkte des 7. Kinderschutzforums
Als Thema des Kinderschutzforums 2008 wurde mit Bedacht eine Zielgruppe im
Bereich der Jugendhilfe und des Kinderschutzes gewählt, die in der Fokussierung auf das Thema
`Frühe Hilfen` der letzten Jahre vernachlässigt wurde:
Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren.[1] Im Unterschied zur oft unfachlichen
Berichterstattung in den Medien, die sich auf Schuldzuschreibungen an
angeblich unfähigen Eltern und eine Kriminalisierung von Jugendlichen verengt,
ist es das Ziel des dreitägigen Fachkongresses ein authentisches Bild der
Situation von Jugendlichen und ihren Familien zu zeichnen. In diesem thematischen
Kontext wird – neben pubertätsspezifischen Fragestellungen – insbesondere
die Ambivalenz `gefährdete Jugendliche - gefährliche Jugendliche` von
zentraler Bedeutung sein.
Zudem werden die Sorgen und Nöte von HelferInnen in den Blick genommen,
die sich aus Verunsicherungen, Überforderungen und Überlastungen ergeben.
Haltungen und Einstellungen der Helferinnen und Helfer in Bezug auf Ihre
Klientel werden kritisch reflektiert.
In der fachpolitischen Diskussion zur Jugendhilfe wird zu erörtern sein, wie
eine funktionierende Jugendhilfe gestaltet sein muss und wie sich – im
Unterschied dazu – die Jugendhilfe in der gegenwärtigen Praxis ausformt.
Im Detail wird es beim siebten Kinderschutzforum um das Verstehen jugendlicher
Lebenswelten gehen sowie um Angebote der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens
für hochbelastete Jugendliche und ihre Familien. In diesem
Zusammenhang wird der Frage nachgegangen werden, wie Jugend als Phase
der Autonomiegewinnung bei gleichzeitigem Bindungsbestreben in Zeiten einer
Risiken generierenden Individualisierung gelingen kann – und dies unter strukturellen
Bedingungen von sozialer Armut und einer problematischen Arbeitsmarktsituation
in der Übergangsphase von der Schule zum Berufsleben.
Auch wird die fachthematische Bedeutung der Medien in den Blick genommen,
d.h. der Medienkonsum Jugendlicher, der z.T. grenzverletzendes Verhalten befördert,
und die Medieninszenierung zum Thema `Jugendgewalt`.
Der Fachkongress soll einen Beitrag dazu leisten, Helferinnen und Helfer, die
im Hinblick auf die jugendliche Zielgruppe irritiert sind, handlungsfähiger zu
machen. In diesem Kontext ist das Verstehen eine wesentliche Voraussetzung
für das Handeln in der Jugendhilfe und im Kinderschutz speziell. Wenn Helferinnen
und Helfer beispielsweise für Familien mit körperlicher und seelischer
Gewalt kompetente Hilfen erbringen wollen, müssen sie die Lebenswelt und
jeweilige Situation ihres Klientels kennen und nachvollziehen können, um auf
dieser Grundlage fachmethodisch adäquat zu handeln.
Veränderte Gesellschaftsbedingungen im Sinne einer Individualisierung und
lebensweltlichen Pluralisierung, von der insbesondere die Zielgruppe der
Jugendlichen betroffen ist, stellen neue Herausforderungen an die im Kinderschutz
Tätigen. Das aus Individualisierungsprozessen resultierende Erodieren
fester, sozialer Bindungszusammenhänge ist hierbei ein zentraler Aspekt. Ein
weiterer individualisierungsbedingter Aspekt ist die Anforderung an den Einzelnen,
selbstbestimmt zu handeln, und sich die Ergebnisse dieses Handelns persönlich
zuzuschreiben. Jugendliche, denen es misslingt, das Risiko kompetent
zu managen, und so ein demütigendes Scheitern an der gesellschaftlichen
Realität erleben - in Schule, beruflichen Kontexten und/oder sozialen Beziehungen
-, sind schließlich anfällig dafür, gewalttätig oder selbstverletzend zu
handeln. Ob die Jugendhilfe für diese `Verlierer der Risikogesellschaft` geeignete
Angebote bereitstellt, wird beim Kinderschutzforum thematisiert und
diskutiert werden. Hieran inhaltlich anschließend wird zudem auf die z.T. spezifische
Situation von Jugendlichen und Familien mit Migrationshintergrund eingegangen.
Der Fachkongress zeigt Hilfezugänge und Handlungsmöglichkeiten auf, die
Kinder schützen und Familien unterstützen. In diesem Kontext werden auch
Kenntnisse und Erfahrungen im Hinblick auf eine professionelle, institutionelle
Kooperation ausgetauscht und vermittelt.
Im Kontext der politisch-rechtlichen Vorgaben wird neben einer Analyse der
gegenwärtigen Situation von Experten des Kinderschutzes ein Ausblick gewagt.
Welche fachlichen Entwicklungen im Kinderschutz sind absehbar und welche
unter Qualitätsgesichtpunkten wünschenswert? Welche gesellschaftspolitischen
Themen stehen auf der Agenda der medialen Meinungsbildung ganz oben und
welche sollten in näherer Zukunft an Aktualität gewinnen? Ergeben sich in
diesem Kontext neue Möglichkeiten für den Kinderschutz?
3. Zur Aktualität und zum Praxisbezug des Kinderschutzforums
- Sie erhalten einen umfassenden Überblick zum aktuellen Forschungsstand
- Sie erörtern zusammen mit erfahrenen Fachleuten Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Fachgebiete
- Sie vertiefen Ihr Handlungswissen
- Sie gewinnen fachkompetente Anregungen und Einblicke in ausgewiesene Praxismodelle interdisziplinärer Kooperation
- Sie erwerben Kompetenzen zur Stärkung der Fachdiskussion in Ihrem
Team und als Multiplikatoren im psycho-sozialen Verbund der Jugendhilfe, Schule, medizinischen Einrichtungen und juristischen Praxisfeldern
4. Adressaten des 7. Kinderschutzforums
Das Kinderschutzforum 2008 richtet sich an MitarbeiterInnen der öffentlichen
und freigemeinnützigen Jugendhilfe, an die Kooperationspartner der Sozialarbeit
im medizinischen, pädagogischen und therapeutischen sowie juristischen
Berufsfeld, an MitarbeiterInnen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und an
niedergelassene TherapeutInnen. Angesprochen werden sollen auch Wissenschaftlerinnen,
Lehrkräfte und Studierende in den Hochschulen und in der Fortund
Weiterbildung.
[1] Bei einem Blick auf die In-Anspruchnahme von erzieherischen Hilfen wird deutlich, dass bei den
Familien mit minderjährigen Kindern die Familien mit 9- bis 17-Jährigen eine 2/3-Mehrheit bilden:
67% in 2005 (Quelle: Statistisches Bundesamt).