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Pressemitteilung

Presseerklärung zu den Morden in Erfurt

Mit Bestürzung und großer Trauer haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Kinderschutz-Zentren die kaum in Worte fassbare Tat des neunzehnjährigen Jugendlichen in der letzten Woche erlebt. Das Mitgefühl und die Anteilnahme mit den Angehörigen der Opfer, mit den Kolleginnen und Kollegen des Erfurter Gymnasiums und mit den Schülerinnen und Schülern gebietet es, innezuhalten und nicht kurzfristige Lösungsmöglichkeiten anzubieten oder einseitige Erklärungsmodelle zu entwickeln.

Die Kinderschutz-Zentren arbeiten täglich mit Familien und Kindern, die Gewalt als einen Lösungsweg für ihre Probleme akzeptieren und leider zu oft auch praktizieren.

Für unsere Arbeit hat die Thematisierung lebensgeschichtlicher Verletzungen und schwieriger Le-benserfahrungen einen besonderen Schwerpunkt. Sie bildet die Grundlage für den Zugang zu Men-schen, die nicht in der Lage sind, ihre Ängste, Sorgen und Probleme zu artikulieren. Beziehungslosig-keit und Isolation sind begleitende Merkmale, die dann im schlimmsten Fall zu Schreckenstaten wie in Erfurt führen können.

Das Wissen um diese Zusammenhänge ist nicht nur bei vielen Eltern, nicht nur bei Lehrerinnen und Lehrern sondern auch bei vielen professionellen Helferinnen und Helfer der Jugendhilfe nicht ausrei-chend vorhanden.

In den Familien geht es darum, die Beziehungen zwischen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen so zu gestalten, dass Sorgen und Nöte von Mädchen und Jungen wahrgenommen und ernstgenom-men werden können. Das bedeutet , Kinder und Jugendliche intensiv zu begleiten auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben und in jeder Altersphase aktiv in Beziehung zu treten. Das ist anstrengend, kostet Kraft und Zeit. Damit Eltern in Überforderungssituationen nicht verzweifeln oder resignieren, bedarf es hier auch der Unterstützung durch Jugendhilfeeinrichtungen.

In den Schulen fehlt es an Zeit und an den entsprechenden Rahmenbedingungen, damit Lehrerinnen und Lehrer den Problemen ihrer Schülerinnen und Schüler gerecht werden können. Große Klassen, zunehmender Leistungsdruck verhindern oftmals das Wahrnehmen der individuellen Bedürfnisse und Sorgen der Kinder und Jugendlichen.

In der Jugendhilfe ist die Arbeit mit verzweifelten, häufig traumatisierten Jugendlichen nur erfolgreich, wenn die lebensgeschichtlichen Zusammenhänge von erfahrenen Verletzungen, fehlenden Bindungen zu wichtigen Bezugspersonen und mangelnden Loyalitäten zu Institutionen verstanden werden.

Insgesamt kann es nicht vorrangig darum gehen, Gesetze zu verändern oder noch mehr Programme gegen Gewalt zu entwickeln, vielmehr sollten bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen Sorgen und Nöte von Kindern und Jugendlichen gehört werden können und diese so zunächst einmal "Raum bekommen". Hier bieten sich Lösungsmöglichkeiten, die wenig populistisch aber dafür um so sinnvoller sind.

Für das Stuttgarter Kinderschutz-Zentrum

Kristin Kreimer-Philippi

PS: Über die Helpline der Internetseite YoungAvenue.de bieten die Kinderschutz-Zentren Kindern und Jugendlichen, die durch die Tat in Erfurt Angst und Unsicherheit erleben, Hilfe und Unterstützung an.